Mario Rader, Kosmische Dialektik

Mystisches Gebirge und Sonnenschein

In der vedischen Kosmologie ist häufig vom Kali Yuga, dem dunklen Zeitalter, die Rede. Dieses Kali Yuga, auch das „Zeitalter des Streits“ genannt, hat die Menschheitsgeschichte in den letzten 5.000 Jahren mit energetischen Ausdrucksformen versorgt, die sich weitgehend im destruktiven Pol der Dualität manifestiert haben: Konflikte, Kriege und Herrschaft einerseits und die Unterdrückung und Ausbeutung von Mensch und Natur andererseits. Hinzu kommen die Irreführungen der Weltreligionen, fingierte monetäre Systeme sowie die Illusion vom menschlichen Verstand als primärem Zugang zur Welt; ganz zu schweigen von den vielen ‚Gegensätzen‘, die sich wie ein Faden durch unsere Geschichte ziehen: Mann gegen Frau, reich gegen arm, schwarz gegen weiß, Wissenschaft versus Glaube, Demokrat versus Republikaner, heterosexuell versus homosexuell, Fleischesser gegen Vegetarier – die Liste ließe sich endlos fortführen.

Warum spitzen sich die Dinge anscheinend zu, anstatt „besser“ zu werden?

Der energetische Ausdruck mag sich mit der Zeit geändert haben, die dahinterliegende Struktur ist jedoch überwiegend dieselbe geblieben. Haben die Inhalte auch variiert, das Gefäß, das Formen und Inhalte fasst, war stets das Gleiche. Dieses jahrtausendealte Gefäß ist nichts anderes als der metaphorische Ausdruck einer Logik des Teilens und Spaltens. Die Inhalte unserer Geschichtsbücher lassen sich alle auf die Dynamik des Trennens reduzieren – der Kern des Kali Yuga, dessen Ende mit dem vermeintlichen Ende des Maya-Kalenders am 21. Dezember 2012 einhergeht. Wenn dieses dunkle Zeitalter jedoch seit einiger Zeit vorüber ist, warum ist das Leben im Jahr 2016, so die Anklage vieler Menschen, nicht ungleich leichter und lichtvoller? Warum, fragen viele, fühlt es sich vielmehr so an, als würden sich die Dinge auf geradezu dramatische Art und Weise zuspitzen?

Sokrates war dafür bekannt auf die Fragen seiner Schüler keine fertigen Antworten zu geben. In dem Bewusstsein, dass Einsicht und Selbsterkenntnis nur von einem selbst kommen und niemals von außen erworben werden können, sah er seine Philosophie als eine Hebammenkunst. Indem er seinen Schülern prüfende Fragen stellte, erschütterte er ihr Scheinwissen und lenkte sie bis zu dem Punkt, an dem sie erkannten, dass sie nichts wussten. Mit diesem Wendepunkt konnte die Suche nach wahrer Erkenntnis ihren Lauf nehmen. Anstatt also seine eigenen Erkenntnisse als Lehre zu predigen, half Sokrates seinen Schülern selbst zu ihren Einsichten zu gelangen – er war quasi ein Geburtshelfer der Wahrheit.

Zunahme der Ereignisdichte

In gewisser Hinsicht ist das aktuelle Zeitgeschehen der sokratischen ‚Anleitung zum Gebären‘ nicht unähnlich. Je mehr sich die Ereignisse im Außen überschlagen, umso mehr sind wir dazu aufgefordert, genauer hinzusehen; je größer die Ereignisdichte und das Chaos um uns sind, seien es die sich häufenden Wahlwiederholungen, der suggerierte Zerfall der Europäischen Union, ein drohender Bankencrash, die anhaltende Flüchtlingskrise oder die näher rückenden Terroranschläge, umso mehr sind wir dazu angehalten, den Erklärungsmodellen und Reaktionen von Politik, Medien und intellektuellen Wortführern nicht mehr blind zu vertrauen und stattdessen Einsichten aus uns selbst zu gewinnen. Mit zunehmendem Getöse im Außen wächst somit die Bedeutung auf die innere Stimme zu hören, deren Botschaft überdeutlich ist: »Wach auf!«
Egal, ob das weltweite Aufrüsten der NATO, Putschversuche oder der popkulturelle Hype rund um Pokémon GO – all diese Vorgänge und Phänomene stehen nur auf den ersten Blick in keiner Beziehung zueinander; auf den zweiten, dritten und vierten Blick wird klar, dass die äußeren Vorgänge mit uns kommunizieren und uns – im Jahr 2016 mehr denn je – auf eine übergeordnete Ebene hinweisen.

Die Welt verändern mit MeditationWahl X, Anschlag Y und Krise Z sollen entweder für sich oder in einem ideologisch erwünschten Zusammenhang betrachtet werden (z.B. die rechtspopulistische Partei übernimmt die Macht im Land; dies ist die Reaktion der Wähler auf Terroranschläge in der Vergangenheit, die wiederum das Ergebnis der Flüchtlingskrise sind). Was auf keinen Fall erkannt werden soll, ist der Umstand, dass viele aktuelle Geschehnisse in der Tat einen ‚kleinsten gemeinsamen Nenner‘ haben. Die einzelnen Punkte sollen jedoch unter keinen Umständen auf eine Weise miteinander verbunden werden, dass sich der ideologische Schleier auflöst; was dann übrigbliebe ist der gemeinsame energetische Ausdruck hinter dem momentanen Zeitgeschehen: Die (Re-)Produktion von Negativa in Form von Emotionen wie Ohnmacht, Angst oder Wut. Es soll mit anderen Worten weder gesehen noch verstanden werden, dass das jahrtausendealte Teile-und-Spalte-Prinzip ein letztes Revival feiert, um mit aller Macht einzudämmen, was niemals eingedämmt werden kann. Der spiritistische Diskurs stellt uns dafür Ausdrucksformen wie „Bewusstseinsanstieg“, „Aufstieg zum höheren Selbst“ oder „Der große Wandel“ zur Verfügung – allesamt mit der Fußnote, dass dies bloß sprachliche Annäherungen an etwas sind, das rein kognitiv nicht erfasst werden kann.

Die Mehrheit der derzeitigen Geschehnisse verwickelt uns in ein Geflecht aus binären Oppositionen: Wir, die (Zentral-)Europäer gegen „sie“, die Syrer/Somalier/Nigerianer, etc., sie, die Rechtspopulisten, gegen uns Liberale, Neo-Nazis gegen Gutmenschen, Willkommenskultur vs. Terror, Deutschland gegen Türkei. Und wieder ließe sich die Liste problemlos fortführen. Der ‚tiefere‘ Sinn, Menschen in Lager zu spalten, ist absurderweise derselbe, der sich dafür interessiert, dass sich vernunftbegabte Menschen en masse auf die Jagd nach virtuellen Monstern begeben: Ablenkung vom erwachenden Bewusstsein und dem Erkennen der wahren Natur des Menschen. Indem man den Menschen zum einen in den niedrigen Schwingungen der Angst, Wut und Ohnmacht hält und andererseits mit dem Bannoptikum der westlichen Eventkultur(en) bespaßt, ist er mit einer Variante der Realität beschäftigt, die ihn so vereinnahmt, dass er die Möglichkeit einer viel umfassenderen Realität nicht erkennt.

Die Zunahme der Ereignisdichte hat allerdings den paradoxen Effekt, dass sie den Bewusstseinswandel der Menschen beschleunigt. Je mehr sich der Mensch tendenziell negativen Ereignissen ausgesetzt sieht und je geballter die Versuche, seine Aufmerksamkeit zu zerstreuen, sind, umso offenkundiger wird die Zielgerichtetheit dieser Energien. Mit der quantitativen Steigerung der Geschehnisse exponiert sich auch die dahinterliegende Qualität, sodass Jede/r erkennen kann, dass wir es eben nicht ‚mit ein paar komischen Zufällen‘ zu tun haben, sondern, dass hinter den niedrigen Frequenzen eine Intention und Systematik liegt.

Die Geburt des sich selbst bewussten Menschen findet im steten Wechsel aus Ver-wicklung und Ent-wicklung sowie Täuschung und Ent-täuschung statt

Je mehr sich die Kombination aus Krisen, Chaos und Terror entfaltet, umso mehr erkennt eine stetig wachsende Anzahl an Menschen, dass Krisen, Chaos und Terror fingiert und gewollt sind; ein Heilungsprozess setzt ein, der die Erwachenden sogar erkennen lässt, warum die Dinge so sind, wie sie eben sind, weshalb sie nicht anders sein können und dass sie es nur solange sind, wie es notwendig ist. Der erwachende Mensch erkennt, dass das, was solipsistisch anmuten mag, Realität ist – allerdings eine wesentlich umfassendere Realität, die man uns mit Biegen und Brechen vorenthalten möchte. Mit anderen Worten: Das Geschehen im Jahr 2016 ist nur wegen und für uns da – wegen uns, weil wir noch nicht erwacht sind und für uns, damit genau das geschieht. Wir sind in der Tat so groß, so wichtig und so ‚göttlich‘, dass man uns das Erkennen unserer wahren Natur unbedingt vorenthalten muss, damit allerdings dem Erwachen Vorschub leistet. Nochmal anders ausgedrückt: Die Geburt des sich selbst bewussten Menschen findet im steten Wechsel aus Ver-wicklung und Ent-wicklung sowie Täuschung und Ent-täuschung statt und ist Teil dessen, was man „kosmische Dialektik“ nennen könnte.

Von Dialektik spricht man immer dann, wenn man einen Begriff auf sich selbst anwendet. Wenn man sich beispielsweise maßvoll mäßigt oder einen vernünftigen Umgang mit dem Verstand pflegt, wirkt das Prinzip der Dialektik. So gesehen lässt sich Dialektik als eine Art Selbstbeschränkung auffassen. Ein anderes Verständnis stammt aus der Feder von Karl Marx. Die Dialektik bei Marx begrüßt den technischen Fortschritt, weil dieser so auf die Produktionsverhältnisse einwirkt, dass sich der Mensch schließlich aus ihnen befreit. Was der Mensch zur Bedürfnisbefriedigung benötigt erfordert irgendwann nicht mehr länger den Einsatz seiner Produktivkraft. Fortschritt und Technik laufen bei Marx darauf hinaus, die Menschen aus dem Reich der Notwendigkeit in das Reich der Freiheit überzuführen. Mit anderen Worten: Je mehr sich der eine Pol (Arbeit am wissenschaftlichen und technischen Fortschritt) verstärkt, umso mehr verstärkt sich auch der andere Pol (Freiheit vom Zwang zur Arbeit). Mehr Arbeit, so die Logik der dialektischen Umkehrung, hebt die Arbeit letztlich auf.

Der Schleier, der die wahre Natur des Menschen über Jahrtausende verdeckt hat, wird im Laufe der Apokalypse entfernt

Mann zwischen Veränderungen in der WeltDie kosmische Dialektik kann in Analogie zur marxistischen Auffassung verstanden werden. Je virulenter die Geschehnisse auf der Weltbühne sind, desto intensiver ist nicht nur das Durchschauen der inszenatorischen Bemühungen, sondern auch das Verstehen des Zwecks, der all diese Bemühungen in ihrem Kern antreibt. Innerhalb der kosmischen Dialektik nimmt das Erwachen des menschlichen Bewusstseins proportional zur Ereignisdichte zu: Je mehr der unterdrückende Pol gestärkt wird, umso eher bestärkt man auch den gegenüberliegenden Pol, der sich dieser Unterdrückung bewusst wird und daraus befreit. Mit der kosmischen Dialektik ist es wie mit einem Ball unter Wasser: Je mehr man ihn nach unten drückt, desto heftiger schießt er nach oben, aus dem Wasser und in die Luft, wenn man den Druck irgendwann nicht mehr aufrecht erhalten kann.

Anders gesagt: Je mehr mit Terror, Krisen und Chaos versucht wird die Apokalypse heraufzubeschwören, um das Erwachen der Menschheit zu verhindern, umso mehr fördert man dieses Erwachen zutage. Die „Apokalypse“ bezeichnet nämlich keineswegs den Untergang der Zivilisation, wie uns Hollywood erklären möchte, sondern meint in seinem Wortursprung nichts anderes als Enthüllung und Entschleierung. Der Schleier, der die wahre Natur des Menschen über Jahrtausende verdeckt hat, wird im Laufe der Apokalypse entfernt – der Mensch wird sich seiner selbst bewusst und damit selbstbewusst. Er realisiert sein wahres Wesen als individualisierte Gottheit und Schöpfer seiner Realität.

Damit es zu dieser Realisation kommt ist ein enormer Bewusstseinsanstieg erforderlich, der gerade durch die vielen Bestrebungen, ihn zu verhindern, massiv vorangetrieben und so lange energetisch versorgt wird, bis die kosmische Dialektik schließlich ihr aufhebendes Moment erreicht. So wie bei Marx die Forcierung des Fortschritts die Notwendigkeit zur Arbeit schlussendlich aufhebt, löst sich der negative Pol, der sich gerade in Form von Fronten auf allen Ebenen so geballt manifestiert, auf, sobald eine Vielzahl an Menschen erwacht ist und sich in seinem Wesen erkannt hat. Das Chaos, die Gewalt und Kriegstreiberei sind wie die Wehen unmittelbar vor der Geburt eines neuen Bewusstseins – sie enden, sobald es das Licht der Welt erblickt hat. Gleich ob bewusst oder unbewusst, wir sind alle Teil dieses dialektischen Geburtsvorgangs; sind wir uns seiner jedoch bewusst, fällt Vieles, das man im unbewussten Zustand für notwendig erachtet hat, weg und man beginnt zu verstehen: Es gibt nichts zu tun.

Spirituelles Nichts-tun als Ausdruck eines Bewusstseins

Dieses „Nichts-tun“ meint jedoch nicht Nihilismus, nicht Defätismus, nicht Resignation. Es ist auch kein Plädoyer für eine globale Vogel-Strauß-Politik. Gemeint ist vielmehr ein spirituelles Nichts-tun als Ausdruck eines Bewusstseins, das sich nicht mehr vor den energetischen Karren im Außen spannen und nicht mehr in die Position des Re-agierens drängen lässt. Das Bewusstsein, in dem sich dieses spezielle Nichts-tun entfaltet, hat verstanden, dass all das, was wir momentan als so dunkel und belastend erfahren, seine Sinn- und Zweckhaftigkeit hat; es hat das emanzipatorische Potential der kosmischen Dialektik realisiert, indem es das Bedürfnis, auf die Um-bauten auf der Weltbühne zu re-agieren, nicht länger (oder nicht mehr im selben Ausmaß wie zuvor) verspürt. Dieses wache Bewusstsein des Nichts-tuns lässt sich immer weniger einschüchtern und kaum noch in Angst und Panik versetzen; es echauffiert sich nicht mehr so sehr, spürt kaum noch den Wunsch, Menschen und Umstände zu bewerten oder andere ins Recht bzw. Unrecht zu setzen; es lässt sich auch kaum noch mit den üblichen Erklärungen abspeisen; vielmehr hat sich das Bewusstsein des Nichts-tuns von der Logik des Spaltens (und den mit ihr einhergehenden Ohnmachtsgefühlen) weitgehend gelöst und befindet sich nun auf dem Weg zurück in die ureigene Kraft.

Ein Neo-Nazi wird Bundespräsident? »Da muss man doch was tun!« Menschen flüchten aus ihrer Heimat? »Da muss man doch was tun!« Der Euro stürzt ins Bodenlose? »Da muss man doch was tun!« Das Bewusstsein des Nichts-tuns steht in direktem Gegensatz zum überhitzten Tatendrang unserer Zeit; es stellt den ruhenden Gegenpol zum Geschäftigkeits- und Betriebsamkeitswahn dar, der uns permanent in Bewegung hält, ohne auf einer tieferen Ebene je wirklich etwas zu bewegen. Konkret drückt sich dieses Bewusstsein durch eine Haltung des Nicht-Reagierens aus, kraft derer sich der erwachende Mensch von den Vorgängen in der Welt so gut wie möglich emanzipiert – nicht aus Gleichgültigkeit, Verdruss oder Überforderung, sondern aus dem, was man die „Lust am höheren Selbst“ nennen könnte. Das transformierte Bewusstsein hat erkannt, dass uns das konditionierte Reagieren auf äußere Umstände von genau dieser Lust trennt.

KämpferDas nicht-reagierende Bewusstsein verfügt über eine tiefe Einsicht in den übergeordneten Zweck der momentanen Ereignisflut – ein Zweck, der eben nicht auf der mentalen, konzeptionellen Ebene, sondern im feinstofflichen Bereich angesiedelt ist und die energetische Bindung des Menschen an eine gewünschte Wahrnehmung der Realität anstrebt. Wer körperlich, geistig und emotional in Wahlen, Anschläge, Chaos, Rechtsrutsche sowie Putsche verwickelt ist, hat kaum noch Energie für eine andere Realität als die der Negativität. Anders gesagt: Wenn ich möchte, dass du dich nicht mit A beschäftigst, dann werde ich dir ein B, C und zur Not ein D vorgeben; so kommst du nicht auf die Idee, dass es ein A gibt; wenn ich nicht möchte, dass du aus freien Stücken agierst, werde ich dich mit Umständen versorgen, die dich zwingen zu reagieren – und das so lange, bis es dir zur Natur wird, du dein Re-agieren für ein Agieren hältst, sprich deine Passivität mit Aktivität verwechselst, und deshalb nicht merkst, dass du nicht aus deiner eigenen Kraft handelst. Es ist dieser simple Taschenspielertrick, mit dem die Energie des Kali Yuga seit Anbeginn in den verschiedensten historischen wie kulturellen Kontexten operiert hat, der jetzt mehr und mehr durchschaut und transzendiert wird.

Das Bewusstsein des Nichts-tuns ist die primäre Agentur dieser Entschleierung. Als solche lässt es sich nicht mehr in dem Ausmaß von B, C und D verstricken, wie es das im unbewussten Zustand zugelassen hätte – es kämpft aber auch dezidiert nicht gegen die Vorgänge im Außen an. Für und Wider, so die Einsicht des wachen Bewusstseins, sind nur verschiedene Seiten ein- und derselben energetischen Medaille. Das Befürworten genauso wie das Opponieren reproduzieren Artikulationen, die nicht die eigenen sind, und hemmen so die Lust am höheren Selbst und seinem Ausdruck. Neben der nicht-reagierenden Haltung charakterisiert sich das Bewusstsein des Nichts-tuns also über ein spirituelles Nichts-dagegen-haben.

Nichts gegen einen Umstand oder einen Menschen zu haben ist natürlich eine Form des Nicht-Reagierens, weshalb das Nicht-Reagieren und das Nichts-dagegen-haben auf der kognitiv-sprachlichen Ebene im Grunde austauschbar sind. In feinstofflicher Hinsicht ist es jedoch eher das Nicht-Reagieren, das die energetische Versorgung der äußeren Geschehnisse unterbricht und so die Anbindungen an den Negativpol kappt während es das Nichts-dagegen-haben ist, das die Erwachten verstehen lässt, dass die Ereignisse B, C und D für Noch-Nicht-Erwachte gerade dieselbe Rolle spielen (oder noch spielen werden) wie für sie selbst im Prozess des eigenen Erwachens – weshalb sie die Ereignisse auch so sein lassen können wie sie sind.

Energetischer Exodus

Egal welches sprachliche Hinweisschild man verwendet, in ihrer Totalität generieren das spirituelle Nichts-tun, das Nicht-Reagieren und das Nichts-dagegen-haben das, was sich „energetischer Exodus“ nennt. Darunter versteht man den Abzug der eigenen Energien aus der Möbiusschleife aus negativen Ereignissen, Affektsteuerungen und Agitationen, die uns erschöpfen und davon abhalten selbst zu schöpfen. Im Gegensatz zum medizinischen Kontext meint der energetische Exodus jedoch nicht den Tod der Physis, sondern lediglich das Ende des Unbewusstseins und das Erinnern an das höhere Selbst. Ein solcher Exodus führt den Menschen aus der Verwicklung (in Geschehnisse, die vom eigenen Wesen ablenken) in die Ent-wicklung (des ureigenen Wesens). Der energetische Exodus ist Bestandteil des kollektiven Genesungsprozesses, dem wir alle gerade beiwohnen – ein Vorgang, im Zuge dessen wir uns aus den Ver-wicklungen entwickeln, um uns weiter zu entwickeln. Während resigniertes Achselzucken und den Kopf in den Sand stecken angesichts des Status Quo tatsächlich Untätigkeit darstellen, haben spirituelles Nichts-tun, Nicht-Reagieren und Nichts-dagegen-haben eine gänzlich andere Qualität: Erstere Reaktionen sind ein bloßes Abwenden, letztere das exakte Gegenteil, weil sie ein Hinsehen und Verstehen, ein genuines Sehen, was geschieht, und ein Verstehen, warum es geschieht, meinen, ohne sich (zu) verwickeln (zu lassen).

In der Meditationspraxis unterscheidet man zwischen der kurzfristigen Entspannung und dem dauerhaften „Non-attachment“. Der Exodus, der das erwachende/erwachte Bewusstsein begleitet, ist mit einem solchen Non-attachment vergleichbar – ein dauerhaftes Nicht-gebunden-sein, das zum ‚Alltag‘ geworden ist. Der Mensch, der sich in diesem ungebundenen Bewusstsein entfaltet, ist zwar ‚mittendrin, aber nicht dabei‘. Er geht einer Arbeit (oder Beschäftigung) nach wie andere auch, hat Hobbies wie andere Menschen auch; er kauft im Supermarkt ein wie andere Menschen das tun und liebt seine Partner wie andere ihre Partner lieben; er geht auf Reisen, macht Urlaub und liebt den Regen, die Sonne, den Tag und die Nacht genauso wie andere Menschen das auch tun. Kurzum: Er ist im Spiel, aber nicht mehr Teil des Spiels. Er ist nicht besser und nicht schlechter als andere Menschen; er hat bloß aufgehört die Lawine aus Gewalt, Terror, Chaos, Lügen, Ablenkungen und Manipulationen zu beklagen und zu verurteilen, nicht nur, weil er versteht, dass all das seine Rolle im Gefüge spielt, sondern, weil er dessen gewahr ist, dass Gewalt, Terror, Chaos, Lügen, Ablenkungen und Manipulationen der Ausdruck einer alten Energie sind. So ein wacher, nicht-gebundener Mensch ist kein Übermensch, er sieht nur in aller Deutlichkeit, dass das, was viele Menschen (noch) ängstigt und klein-hält, bloß der Schatten einer bereits vergangenen Ära ist.

Direkter Wechsel vom dunklen zum goldenen Zeitalter (Satya Yuga)

Indianerin tanzt in der NaturDas Alte weiß bereits, dass es weichen muss – dessen ist sich das erwachte Bewusstsein vollkommen bewusst. Doch bevor sich das Alte verabschiedet, schlägt es ein letztes Mal um sich. Es bekommt einen Tobsuchtsanfall wie ein trotziges Kleinkind, das seinen Willen nicht länger durchsetzen kann und wütet, da es das langersehnte Spielzeug nicht bekommt. Das wache Bewusstsein ist gleichermaßen Ursache und Wirkung dieses Rundumschlags. Was wir 2016 erleben ist die Implosion des dunklen Zeitalters, dessen schwindende Strukturen sich ähnlich den Frauen von Stepford im Kreis drehen, Funken sprühen und wirres Zeug von sich geben, bevor die Batterie zur Neige geht und der Lärm im Nichts verhallt. Mitten in all dem Unfrieden ist der erwachte Mensch weitgehend im Frieden. Er ist sich bewusst: Wir befinden uns im dritten und letzten Akt des Kali Yugas, in dem noch einmal alles aufgeboten wird, die letzten abgehalfterten Kostüme aus dem Fundus geholt und auf die Bühne gezerrt werden, Besetzung und Regie noch ein paar Mal hektisch gewechselt und das wirklich allerletzte Pulver verschossen wird, bevor wir das Theater ohne Applaus verlassen, unsere Abos kündigen und nie weder zurückkehren.

Was passieren wird, nachdem die Menschheit die Spielstätte des Kali Yugas verlassen hat, ist offen. Die vedischen Schriften zeigen das Kali Yuga als das letzte von vier Weltzeitaltern in einem ewigen Kreislauf, was manche veranlasst einen direkten Wechsel vom dunklen zum goldenen Zeitalter (Satya Yuga), von Spaltung und Unordnung zu Einheit und Harmonie, zu sehen; andere Stimmen sehen eher einen allmählichen Aufstieg. Letztere Auslegung stellt auch eine mögliche Antwort auf die zu Beginn gestellte Frage dar, warum das Leben nicht ungleich leichter und lichtvoller ist, obwohl das dunkle Zeitalter seit Ende 2012 vorbei ist.

Gerade mal vier Jahre des Wandels liegen hinter uns

So wie historische Epochen, künstlerische Strömungen oder der gesellschaftliche Zeitgeist nicht über Nacht enden und am nächsten Tag – Oh, Wunder! – eine völlig neue Epoche oder Strömung herrscht, wechseln auch energetische Zeitalter nicht von heute auf morgen, sondern gehen organisch ineinander über. Hinzu kommt, dass seit dem Ende des Kali Yugas bloß vier Jahre vergangen sind – eine Zeitspanne, die zwar aus menschlicher Perspektive lange erscheinen mag, aus kosmischer Sicht jedoch nicht mehr als einen Wimpernschlag darstellt. Angesichts dessen, dass das Kali Yuga etwa 5.000 Jahre gedauert hat, sind vier Jahre des Wandels geradezu lachhaft. Ein Bewusstseinsanstieg, der sich nach über 2 Millionen Jahren innerhalb weniger Jahre entfaltet – das ist das tatsächliche Wunder!

Die entscheidende Reaktion auf die Frage, wann die Dinge denn besser werden, hängt jedoch vielleicht unmittelbar mit der geschilderten Dialektik zusammen. Je mehr sich die Ereignisflut im Außen wie ein sokratischer Lehrer gebärt und Menschen dazu anregt, prüfende Fragen zu stellen, dabei hilft Scheinwissen zu erkennen und so die Basis für wahre Einsicht und Selbsterkenntnis schafft, umso rascher geht das Erwachen vonstatten. Je deutlicher die Menschen das Wirken der kosmischen Dialektik erkennen, umso eher wird sich das neue Zeitalter auch wie ein solches anfühlen. Wann die Dinge endlich besser werden hängt mit anderen Worten von jedem Einzelnen und jeder Einzelnen ab. Erwachen ist keine Frage des Ob und kennt daher keinen Annahmeschluss. Es gibt auch keine Zusatzpunkte für früheres Erwachen oder Pönalen für Menschen, die mehr Zeit brauchen. Erwachen ist kein Wettlauf mit der Zeit; es geschieht ohnehin. Zwangsläufig. Unumkehrbar. Für die einen früher, für die anderen später. Das Schöne an der kosmischen Dialektik ist, dass selbst ihre tiefste, innere Wahrheit den Geist der Dialektik spiegelt – eine Wahrheit, die sich auch in der Weisheit der Hopi-Indianer findet:

„Wir sind diejenigen, auf die wir immer gewartet haben.“

Copyright: © Mario Rader (für Gehvoran.com)

Advertisements